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Der Akkordeonspieler

Ich konnte die Kälte auf meiner Haut spüren, und mein Blick fiel auf die neben mir angebrachten Heizkörper, die aber zu dieser Jahreszeit kalt blieben. Immerhin war es Sommer! Die einzige Wärme ging von den Monitoren vor mir aus, die mich hell anstrahlten.  

Das Klappern meiner Tastatur wurde von einem Akkordeonspieler komplettiert, der wie jeden Tag stundenlang an der Ecke vor unserem Fenster stand und immer wieder „Kalinka“ in einer nie enden wollenden Schleife spielte. Oh nein, nicht schon wieder! Wenigstens einen Tag in der Woche hätte ich mir gewünscht, dass er nicht dort gestanden hätte.  Doch dies schien mir nicht vergönnt zu sein. Schon oft hatte ich mir gesagt: „Ruf doch mal das Ordnungsamt an. Das ist so lange einfach nicht auszuhalten!“  
 
Ich wartete schon regelrecht darauf, dass er sich mal verspielte, einen Ton traf, den er nicht treffen wollte. Aber er spielte es perfekt, immer und immer wieder. Nur ohne Gefühl. Kalt und emotionslos. 
Plötzlich hielt ich in meiner Arbeit inne, denn irgendetwas hatte sich geändert. Die Kälte war immer noch da, also konnte es das nicht sein. Auch mein Monitor strahlte mich weiterhin an. 
Ich brauchte eine Weile, bis mein Gehirn die Veränderung registrierte und diese zu mir durchsickerte. Der Akkordeonspieler spielte nun ein anderes Lied! Viel schneller, ungleichmäßiger und aggressiver, als er es sonst tat.  Meine Stirn runzelte sich vor Verwirrung, und ich erhob mich leise von meinem Stuhl, schlurfte zum Fester und warf einen Blick auf die Straße. 
Eine eiskalte Hand schien mich im Nacken zu greifen, als ich die Szene, die sich meinen Augen bot, betrachtete. Ich musste mich mit beiden Händen abstützen, um dem aufkommenden Schwindel Einhalt zu gebieten.  
Als ich ein kleiner Junge war, kamen die ersten VHS Recorder auf den Markt. Wer etwas mehr Geld ausgab, konnte eine Kassette mit Longplay aufnehmen. Dies ging dann zwar auf Kosten der Qualität ging, aber da das Band langsamer ablief war es möglich auf 120 Minuten auch 240 Minuten auf das Band aufzunehmen. 
 Probleme hatte man dann, wenn man das Video auf einem anderen Player abspielte. So konnte es vorkommen, dass der Film doppelt so schnell abgespielt wurde, was dann ziemlich bescheuert aussah und mir als Kind so manchen Lacher beschert hatte. 
In diesem Moment blieb mir aber jegliches Lachern im Halse stecken. Alles vor meinem Fenster schien sich in doppelter Geschwindigkeit abzuspielen.  Genau wie auf dem Band damals. 
Eltern rauschten mit ihren Kinderwagen an mir vorbei, Eine dicke Frau, der man es niemals zugetraut hätte, dass sie sich in einer solcher Geschwindigkeit bewegen konnte, überholte einen Kinderwagen, kurz bevor sie um die Ecke bog.  Zwei Männer rauchten in Rekordzeit eine Zigarette, was die Herzen der Zigarettenindustrie sicherlich hätten höherschlagen lassen.  
Mein Blick fiel auf die Ecke, dort wo der Akkordeonspieler stand, und ich blickte ihm direkt in die Augen. Seine Bewegungen waren normal. Langsam, so wie immer. Als wäre er eine Insel inmitten des Chaos.  
Ein Grinsen umspielte seine Lippen, er blickte nach unten und deutete auf etwas, ohne mit dem Spielen aufzuhören.  Ich folgte seinem Blick und schaute auf eine silberne Schale, in der ein paar Münzen lagen. Nicht viele. Automatisch nickte ich ihm zu und trat einen Schritt zurück. Ich plünderte die Bürokaffeekasse, rannte nach unten und warf das Geld in seine Schüssel. 

 
Benommen wachte ich auf und rieb mir die Augen.  
Ich konnte die Kälte auf meiner Haut spüren und mein Blick fiel auf die neben mir angebrachten Heizkörper, die aber zu dieser Jahreszeit kalt blieben. Immerhin war es Sommer! Die einzige Wärme ging von den Monitoren vor mir aus, die mich hell anstrahlten .  

Das Klappern meiner Tastatur wurde von einem Akkordeonspieler komplettiert, der wie jeden Tag an der Ecke von unserem Fenster stand und immer wieder „Kalinka“ in einer nie enden wollenden Schleife spielte. Im Takt der Musik hämmerte ich weiter auf die Tasten uns summte dazu.  
“Wo ist eigentlich das Geld aus der Kaffeekasse?” hörte ich die Stimme einer Kollegin aus der Küche. 
  

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